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no es nada Buchtipp

Alles hinschmeißen? Eine etwas andere Liebesgeschichte

Von Gert Richter

Alles hinschmeißen? Jeder will das mal, und keiner tut es - außer Bernard, der statt zur Orchesterprobe nach Bern zu fahren, einfach in den TGV nach Paris einsteigt. Wie ein Zwang ist das, er muss einfach weg.

Und dann kommt er in Paris an, findet ein Zimmerchen bei Knippy, der jungen, lustigen Designerin. Verliebt er sich in sie? Vielleicht ...

Jedenfalls ist Jeanne, Bernards Frau, ganz und gar nicht begeistert davon. Aber sie ist eine kluge Frau. Und während Bernard über Alternativen zu seinem bisherigen Alltagsleben nachdenkt, denkt sie sich einen Plan aus ...

"Ein sehr schönes Buch, fesselnd vom Thema her, leicht geschrieben und dennoch mit Tiefgang, der zum Nachdenken anregt. Ich habe die Lektüre sehr genossen, war in Gedanken immer beim Geschehen, gespannt, wie es weiter geht, und fand die Fortsetzungen in der Handlung stets überraschend, aber logisch. Einfach gut. Es ist wirklich ein Buch zum Liebhaben"

ISBN 978-2-940364-08-4

Ebook (Kindle Edition) €8.95
als Taschenbuch: 208 Seiten, €14.80 (D,A) oder CHF19.80 (CH)


Erschienen bei no es nada Verlag

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Leseprobe


Zimmer zu vermieten, hatte da auf dem Zettel gestanden. Fünftes Arrondissement. Quartier Latin. 700 Euro. Teuer, aber immer noch billiger als auf die Dauer ein Hotelzimmer. 101 Euro hatte ich in der ersten Nacht bezahlt, für ein altbackenes Einzelzimmerchen mit Fenster zum Hof. Unten  kochten sie irgendwas mit Zwiebeln. Bleiben wollte ich hier jedenfalls nicht.

Ich rief also an. Okay, sagte eine junge Frauenstimme, kommen Sie vorbei. Jetzt gleich? Jetzt gleich.

Und nun stand ich vor dem Haus, alt, cremefarbige Fassade, schmiedeeiserne Balkongitter vor den Fenstern, tippte den Code in die Türsicherung, es machte Bip und die Tür ging auf. Es roch ein bisschen muffig im Treppenhaus, wie nach alten Kleidern und Putzmittel. Der Lichtautomat tickerte. Ich ging hinauf. Erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock. Mir blieb offenbar nichts erspart. Sechster Stock. Weiter ging es nicht. Dann stand ich vor einer dunkelbraun gestrichenen Tür mit einem großen Schlüsselloch von früher und einem moderneren runden Sicherheitsschloss. Ein kleiner Zettel mit einem Namen neben der Klingel. Der Name in dicken, bunt ausgemalten Buchstaben. Ein bisschen kindlich, fand ich. Macht ja nichts. 

Erst mal wieder zu Atem kommen. Und dann klingelte ich. Das heißt, ich drückte auf den Klingelknopf. Es war nichts zu hören. Ich drückte noch einmal, aber es blieb still. Also klopfte ich. Laut und deutlich. Dreimal.

Erst blieb es wieder still. Dann Schritte, und dann wurde die Tür aufgerissen. Im Türrahmen stand, schlecht zu sehen gegen das Licht, eine junge Frau.

"Wegen der Wohnung", sagte ich. "Also, wegen des Zimmers. Ich komme wegen des Zimmers."

"Bonjour Monsieur", sagte sie. "Kommen Sie herein." Sie trat beiseite und ließ mich ein. Jetzt konnte ich sie besser sehen, und was ich sah, fand ich lustig. Sie sah aus wie Pippi Langstrumpf als Studentin. Ein struppig-roter Haarschopf, gänzlich frisurlos. Ein gestreifter Pullover, pink und türkis und weiß, graue Schlabberhosen bis zum Schienbein, dicke Stricksocken. Fröhliche Augen, eine Himmelfahrtsnase, keine Schminke, ein paar Sommersprossen. Ein Clown, dachte ich. Sieh mal an, ein Clown.

"Bernard Lemaire", sagte ich und streckte ihr die Hand hin. 

"Knippy", sagte sie.

"Knippy?" Ich war nicht sicher, ob ich richtig gehört hatte. 

Sie nickte. 

"Hübscher Name", sagte ich. "Originell. Und wie heißen Sie wirklich?"

"Knippy", sagte sie.

"Okay", sagte ich. Warum nicht. Knippy war sicher jünger als meine Tochter, und sicher auch fröhlicher. Wenn sie jetzt auch noch ein brauchbares Zimmer für mich hatte, sollte es mir recht sein. 

"Sie sind allein?" fragte Knippy.

"Ja", sagte ich verwundert. Das sah man doch, oder?

"Ich meine, keinen Liebhaber, keinen Hund, keine Freundin, keine Frau?"

"Hier nicht", sagte ich. "Zu Hause schon. Frau und zwei Kinder. Der Hund ist tot und begraben. Im Garten."

"Sie kommen aus der Schweiz?"

"Hört man das?"

Knippy lachte. "Man hört es, und man sieht es. Am Haarschnitt. An der Kleidung. Ihr seht immer so ordentlich aus."

"Ich weiß", sagte ich. "Aber wenn Sie das stört, das lässt sich ändern. Ich brauche mich nur drei Tage nicht zu rasieren. Wenn ich jetzt vielleicht das Zimmer sehen könnte?"

"Okay." Sie ging voraus, drei Meter etwa. Dann machte sie eine Tür auf und ließ mich hineinsehen. Ein winziges Zimmerchen, fand ich - drei mal vier Meter vielleicht, mit einer grässlichen altbraunen Tapete. Eine Matratze auf dem Boden, vor dem Fenster ein kleiner Tisch, ein knallroter Holzstuhl. Eine Hängelampe mit blaulackiertem Metallschirm. Ein alter Kleiderschrank, dunkelweiß, mit einer schief hängenden Tür. Ich machte sie auf. Ein paar Drahtbügel von der Reinigung baumelten an der Stange. Ich machte die Tür  wieder zu und brauchte beide Hände dazu. 

Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Zimmer mit Blick auf die Brandmauer gegenüber. Wie romantisch, dachte ich. Sogar ein bisschen Himmel sah man. Und einen Blumenkasten gab es, mit einem vertrockneten Pflanzenstängel.

"Hmm", sagte ich. "Und das Bad?"

"Gleich daneben", sagte Knippy. Sie ging voraus und öffnete wieder die Tür. Eine Badewanne, ein Klo, ein Waschbecken. Ein Heißwasserboiler. Ein Regal mit Tuben, Fläschchen, Dosen, Bürsten, Krimskrams.

"Wer wohnt denn noch hier?" fragte ich.

"Na, ich", sagte Knippy verwundert.

"Und wir teilen uns das Bad?"

"Ja klar!" Sie schüttelte leicht den Kopf. Wie konnte ich nur so blöd fragen.

"Und die Küche auch, nehme ich an?"

"Ja klar!"

Sie zeigte sie mir. Herd, Kühlschrank, Küchenschrank, Spüle, runder Tisch - alles etwas ältlich. Nicht blitzblank sauber, aber auch nicht dreckig. So sauber, wie man vierzig Jahre alte Küchen nun mal kriegt. Ein Rest Patina bleibt, auch wenn man noch so schrubbt. 

"Einen Kaffee?" fragte Knippy.

"Gern." Ich setzte mich. Das war nun so eine Entscheidung. Von 120 Quadratmetern zu Hause auf 12 Quadratmeter in Paris, da muss man sich schon umstellen. Knippy hantierte mit einer klassischen italienischen Espressokanne, füllte das Pulver ein, drückte es platt, stellte die Kanne auf den Gasherd. Sie nahm Tassen aus dem Schrank, stellte Zucker und Milch auf den Tisch. Milch in der Plastikflasche mit Schraubverschluss.

"Was machen Sie eigentlich?" fragte sie, während sie darauf wartete, dass der Kaffee zu prötscheln anfing.

"Ich bin Musiker. Geiger", sagte ich.

"Oh Gott! Sie wollen doch nicht den ganzen Tag hier Geige üben?" Knippy klang echt entsetzt.

Ich schüttelte den Kopf. "Keine Sorge. Ich mache gerade eine schöpferische Pause."

"Na hoffentlich", sagte Knippy und drehte das Gas ab. "Sonst vermiete ich Ihnen das Zimmer nämlich nicht. Den ganzen Tag Tonleitern - näää." Sie brachte die Kanne herüber und goss mir ein und dann sich. Dann stellte sie die Kanne zurück auf den Herd und setzte sich. "Das verstehen Sie doch, oder?"

"Und wie ich das verstehe", sagte ich. "Den ganzen Tag Tonleitern - näää."

Knippy lachte. Sie hatte wirklich lustige Augen.

"Und was machen Sie?" fragte ich.

Knippy schaufelte Zucker in ihre Tasse. "Ich bin Designerin."

"Aha. Und was designen Sie denn so?" fragte ich.

"Alles", sagte Knippy. "Werbekram, Servietten, Spielzeug. Im Moment machen wir gerade Buntstifte."

"Buntstifte?"

Knippy nickte eifrig. "Bunte Filzstifte. Ein ganzes Set."

Ich verstand es nicht. Was gab es da zu designen oder wie man da sagt? Buntstift ist Buntstift, basta.

"Nein nein", sagte Knippy. "So einfach ist das nicht. Erst einmal muss man sich überlegen, welche Farben man in das Set hineinnimmt."

"Rot, blau, gelb, grün", sagte ich. "Und orange".

"Toll", sagte Knippy. "Mehr Farben kennen Sie nicht? Bloß einen ollen Regenbogen? Violett haben Sie vergessen."

Sie stand unvermittelt auf und holte eine Packung Kekse aus dem Schrank. Legte sie auf den Tisch und setzte sich wieder.

"Bitte", sagte sie.

"Danke", sagte ich.

Ich mochte Knippy. Sie war lebhaft, fröhlich, lebendig. Quirlig wie ein junger Hund.

"Also gut", sagte ich. "Dann eben noch hellgrün und dunkelblau und himmelblau und knallrot und ferrarirot - "

"Merken Sie was?"

Ja, ich merkte. So einfach war es offenbar gar nicht.

Knippy streckte mir fragend die Milchflasche hin. Ich schüttelte den Kopf. Sie goss sich einen winzigen Schluck in ihre Tasse. Rührte um und goss noch einen Tropfen hinterher. 

"Wir wollten 13 Farben im Set haben. Aber nein, sie haben gesagt, kommt nicht in Frage, mehr als 12 dürfen es nicht sein."

"Ist das nicht egal? Zwölf, dreizehn, wo ist da der Unterschied?"

"Sind Sie so naiv?" Knippy knautschte die Stirn zusammen.

"Ich weiß nicht, was Sie meinen", sagte ich.

"Na hören Sie mal. Die stellen, sagen wir mal, hunderttausend Packungen am Tag her. Wenn 13 Stifte in der Packung sind, müssen sie 100.000 Stifte mehr produzieren. Bei 12 sparen sie 100.000 ein. Pro Tag. Angenommen, die Herstellung kostet 10 Cent, dann sparen sie jeden Tag 10.000 Euro ein. Klar, dass sie sagen, sie wollen nur zwölf, oder?"

"Warum nehmen sie dann nicht zehn? Oder fünf? Oder drei? Dann sparen sie noch mehr", meinte ich. 

"Tun sie ja", sagte Knippy fröhlich. "Das sind die kleineren Packungen, die sie billiger, aber relativ teurer verkaufen."

"Oh lieber Gott", sagte ich und merkte, wie ich verdrießlich wurde. "Aber was hat das mit Design zu tun?"

"Es ist ein Aspekt von vielen", sagte Knippy. "Wir entwerfen zum Beispiel die Verpackung. Da sollte man schon wissen, wie viele Stifte man hineintut."

"Und Sie entscheiden, ob es eine schöne Blechschachtel wird oder so ein schlabbriges Plastikteil?"

"Entscheiden tu ich es nicht, ich schlage es nur vor. Wenn es nach mir ginge, würde ich Holzschachteln machen. Aber die sind unbezahlbar. Und keine Filzstifte aus Plastik reintun, sondern schöne Buntstifte aus Holz."

"Und wer entscheidet?"

"Die Taschenrechner natürlich."

"Die Taschenrechner?"

"Wir nennen sie so. Die im schwarzen Anzug. Die immer so aussehen, als hätten sie Hämorrhoiden."

"Die entscheiden wohl alles, diese Taschenrechner?" 

"Was dachten Sie denn?"

"Nichts, um ehrlich zu sein. Ich hab noch nie darüber nachgedacht." Hatte ich wirklich nicht. 

Es wurde still, und ich rührte in meinem Espresso herum. 

"Nehmen Sie nun das Zimmer?" fragte Knippy dann. Sie klang ein bisschen verlegen, und sie sah mich nicht an dabei.

"Nehmen Sie mich denn?" fragte ich.

"Probieren wir es mal miteinander", sagte sie.