no es nada BuchtippAngstlabyrinth. Roman.
Von
Gert Richter
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Sie hiess Kimo, war nicht von hier, hatte furchtlose, dunkle Augen, schaute einen direkt an, lächelte selten, rauchte viel, und ich wurde nicht schlau aus ihr. Auch weiss ich nicht, was sie an mir fand; ich bin ein völlig nichtssagender Typ, durchschnittlich, in keiner Hinsicht irgendwie attraktiv. Obendrein war ich, zumindest damals, voller Macken und Ängste, ohne Richtung, unreif, ein vom Baum gefallenes Blatt. Trotzdem nahm mich Kimo unter ihre Fittiche, wahrscheinlich ebenso selbstverständlich, wie sie auch einen streunenden Hund mitgenommen hätte, für eine Weile wenigstens. Ich habe keine Ahnung, was Kimo heute macht; ich würde sie gern wiedersehen oder zumindest von ihr hören. Sie fehlt mir. So beginnt der erste Roman von Gert Richter, eine intensiv erzählte Geschichte von zwei Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Ausweg aus dem Angstlabyrinth unserer Zeit. Dieses Buch hat fast nur eine innere Handlung. Es ist die Geschichte eines Klarwerdens, einer Ganzwerdung, einer Gesundung innerhalb einer intensiven Beziehung. Kimo ist Journalistin; sie hat eine Beziehung mit Paul, der als Abteilungsleiter in einer Firma für Grosskücheneinrichtungen arbeitet. Kimo stört sich an der Oberflächlichkeit und Unehrlichkeit der Beziehung und möchte dies ändern. Paul dagegen verträgt diese Störung des Gleichgewichts in der Beziehung nicht und reagiert darauf mit massiver Angst. Aber Kimo lässt nicht locker. Behutsam, aber beharrlich versucht sie, die Gründe für Pauls Angstattacken aufzudecken. Ganz allmählich sieht Paul, dass Kimo ihm einen Ausweg aufzeigen will. Ganz allmählich kann er anfangen, selbst daran mitzuarbeiten. Er durchlebt dabei verschiedene, teilweise sehr heftige Krisen, die ihn bis zum Selbstmordversuch bringen. Beide geben ihre Berufe auf und versuchen unter einfachen Bedingungen in einem anderen Land einen Neubeginn. Dort werden ihre Schwierigkeiten jedoch nur noch schärfer sichtbar. Paul verzweifelt fast daran, dass er keinen Ausweg aus dem "Angstlabyrinth" findet, in dem er sich gefangen fühlt. Endlich jedoch gelingt es ihm, auf eine durchaus überraschende Weise. ISBN 978-2-940364-05-3 Taschenbuch, 168 Seiten, vierfarbiger Titel, €14,80 - CHF 25.00 (empf.) Klicken Sie hier, wenn Sie diesen Titel bei Amazon Deutschland bestellen möchten. Hier können Sie direkt beim Verlag bestellen:
Leseprobe
Wir haben das Dorf hinter uns gelassen, gehen langsam hügelan, auf einem matschigen Feldweg zwischen Wiesen, die mit Stacheldraht umzäunt sind, hügelan auf das Wäldchen zu, das die Kuppe des Hügels bedeckt. "Ich habe kürzlich ein Interview machen müssen," erzählt Kimo. "Da fährst du durch Felder, grün überall, ein leichter Wind. So ähnlich wie hier, nur hat die Sonne geschienen, richtig warm war es. Und plötzlich stehst du vor einem Betonklotz mit Stahl und Glas, alles sauber und rechteckig und aufgeräumt. Und dann bist du in der Vorhalle und wartest und wunderst dich über die abstrakten Bilder an der Wand - sogar die sind rechteckig und abgezirkelt und aufgeräumt und wirken wie tot. Wie von einem Dekorateur gemalt. Und dann fragt ein sauberes, aufgeräumtes Mädchen, sehr höflich natürlich, was du denn hier möchtest. Und du sagst: Mit dem und dem reden. Und der kommt auch schon raus aus seinem aufgeräumten, rechteckigen Zimmer, ist aber selbst ein bisschen zerknittert, und ich denke: Der trinkt, heimlich, wohldosiert, nie zuviel, weil er am nächsten Morgen ja wieder aufgeräumt aussehen soll. Und sein Kollege kommt auch gleich, überhaupt nicht zerknittert; der sieht irgendwie gar nicht aus, du würdest ihn nicht erkennen am nächsten Tag auf der Strasse. Und beide sind sehr höflich, fast schon fröhlich, und ganz eifrig sind sie und wollen gefragt werden. Sie kommen sich wichtig vor, verstehst du? Noch nie sind sie interviewt worden, sie haben ein bisschen Angst und sind gespannt und fühlen sich geehrt, weil gerade sie es sind, die interviewt werden sollen. Also nimmst du ihnen erst ein bisschen die Angst, tust so sicher wie ein erfahrener Zahnarzt, plauderst ein wenig, ein Scherzchen hier, ein Lächeln da, und sie tauen auf. Und dann fragst du sie, was sie eigentlich machen, und du merkst, das ist sicheres Gelände für sie, da kennen sie sich aus. Darüber können sie reden, das ist ihr täglich Brot, das haben sie Ehefrau und Bekannten und Verwandten und auf jeder Stehparty schon tausendmal zum Besten gegeben, auf diese Standardfrage, was man denn so beruflich macht. Sie erklären dir das denn auch in solch festgefahrenen Kürzeln, dass du es kaum verstehst. Also fragst du ein bisschen nach, stellst dich dumm, willst es genau wissen: Da stutzen sie erst, bekommen dann so ein überhebliches Lächeln an die Mundwinkel und behandeln dich wie einen Erstklässler. Und je schlichter du fragst, desto unsicherer werden sie, weil sie plötzlich merken, dass sie sich aufs Glatteis begeben haben, weil es nämlich gar nicht so selbstverständlich ist, was sie da tun. Und das wird ihnen zum ersten Mal bewusst. Dann fragst du sie, warum sie eigentlich das machen, was sie da machen. Und die ganze Überheblichkeit ist wie weggeblasen; sie fangen an, rumzustammeln, und es gibt tausend Gründe, aber keiner leuchtet dir ein. Und mit jedem Antwortversuch von ihnen merkst du mehr und mehr, und es erschreckt dich: Die wissen selber nicht, was sie da tun. Schon gar nicht, warum. Da kämpft so einer dauernd mit dem nächsten Schritt und kommt gar nicht auf die Idee, sich mal nach dem Weg zu fragen, den er da geht. Und Angst hat er, mal zurückzutreten und nachzuschauen, einfach mal anzuhalten und sich umzusehen: er könnte ja auf dem falschen Weg sein, müsste umkehren, alles wäre umsonst gewesen. Also macht er lieber das nächste Schrittchen, mühsam genug ist es ja, und dann wieder eins, und wenn du ihn fragst, was er da macht, sagt er, dass er geht, kriecht, hüpft, springt, sich weiterquält, spurtet, trabt - wie es sich halt anfühlt im Moment. Und wenn du darauf beharrst - bei einem Interview darfst du das ja, ohne als unhöflich zu gelten - und wieder fragst: Warum?, dann erzählen sie dir irgendetwas von 30 Prozent mehr oder so, aber du kapierst immer noch nicht, was denn das alles soll. Vermutlich kann man das gar nicht kapieren, einfach weil es da gar nichts zu verstehen gibt. Dann weisst du auch nicht mehr weiter; irgendwie hat es sich totgelaufen und ist furchtbar trostlos; so machst du noch schnell ein paar Fotos von ihnen und ihren Computern, auf die sie so stolz sind, Kisten mit Drähten drin, von aussen furchtbar aufgeräumt und sauber und vollklimatisiert und, klar, rechteckig natürlich. Und du kannst gar nicht glauben, dass diese Kisten die Menschen so terrorisieren können. Weil's dann Zeit ist, gibt es etwas zu essen. Das sieht alles taufrisch aus und ist auch tatsächlich gerade frisch aufgetaut. Komplett, die gesamte Mahlzeit, mit Pudding zum Schluss. Was redet man so beim Essen? Es gibt ja nicht mehr so viel zu fragen über die Schrittchen, die sie da machen Tag für Tag. Also fragst du etwas nicht zu Persönliches. Und da kommt doch prompt heraus, dass sie - leider! - keine Zeit für Persönliches haben, weil sie doch ihre Schrittchen machen müssen. Es ist zum Verzweifeln; sie merken gar nicht, in welchem Teufelskreis sie sitzen. Ob ihnen denn dann wenigstens die Schrittchen Spass machen? Das, hörst du, sei Einstellungssache. Wenn man den Schrittchen gegenüber positiv eingestellt ist, machen sie auch Spass. Verstehst du, was ich sagen will?" "Aber so ist es eben," sage ich. "Du kommst da nicht raus Du kriegst gar keine Chance!" "Hör mal zu," wird sie wütend: "Ich rede nicht zuletzt von dir! Auch du machst deine Schrittchen, Tag für Tag! Du mit deinem resignierten: da kommt man nicht raus! Als ob das Grund genug sei, einfach weiter Schrittchen zu machen!" "Was schreist du mich denn an?" frage ich verwundert. "Habe ich dir etwas getan?" "Da fragst du noch?" gibt sie heftig zurück. "Natürlich hast du mir etwas getan, die ganze Zeit, mit deinen blöden Schrittchen, deinem nie Zeit haben für mich und für uns. Aber darum geht es nicht. Viel schlimmer ist, was du dir damit antust, Tag für Tag, Schrittchen um Schrittchen. Mit jedem Schrittchen kommst du doch weiter von dir weg!" Ich kapiere erst einmal nichts; fühle mich nur angegriffen, aus heiterem Himmel. "Hockst du nicht da," sagt sie, "jeden Abend, jedes Wochenende, unausgefüllt, unzufrieden mit dir und deiner Welt, sogar deinen Schrittchen, für die du dir dauernd Anerkennung erhoffst und sie doch nie kriegst? Bist du nicht dauernd dir selbst zur Last? Was meinst du, woher sie kommt, deine Angst? Du schindest deine Leute, angeblich, weil du musst; halbherzig zwar - trotzdem fühlst du dich schuldig deswegen. Und du lässt dich selbst unter Druck setzen und verachtest dich dafür, dass du dich nicht wehrst. Und selbst wenn du sich mal wehrst, hast du dabei Angst. Du bewunderst deine Vorgesetzten für ihre Tüchtigkeit, ihre Cleverness, ihre Härte - und verabscheust sie gleichzeitig, aus genau den gleichen Gründen. Du machst dich kaputt für deine beschissenen 30 Prozent oder was weiss ich - jedenfalls für eine völlig beliebige, abstrakte Zahl." Ich reagiere unwillig, will etwas sagen. "Nein, unterbrich mich nicht, lass mich ausreden! Ich meine es nicht böse mit dir, im Gegenteil." Kimo schaut mich an, mit ihrem unwiderstehlichen, direkten Blick. "Diese Zahl, dieser willkürliche Prozentsatz, da steht diese Zahl nun und terrorisiert Menschen. Dich, deine Kollegen, deine Chefs, alle. Irgendwer hat diese Zahl da hingeschrieben - vielleicht aufgrund irgendwelcher Berechnungen, aufgrund irgendwelcher Grundannahmen. Aber wer prüft denn je, ob diese Prämissen überhaupt stimmen? Wer prüft sie denn? Sie werden einfach hingenommen, nie in Zweifel gezogen. Das wäre Ketzerei - einfach unverzeihlich. Und ich sage dir, diese Zahl, egal, ob sie einer einfach so hingeschrieben hat oder ob sie aufgrund von komplizierten Formeln und Rechenoperationen zustandegekommen ist - diese Zahl ist dennoch willkürlich. Ändere eine Prämisse, und es kommt etwas ganz anderes dabei heraus. Aber nein, diese Zahl steht da, unantastbar wie eine heilige Kuh. Viel schlimmer: Sie beginnt, sich zu verselbständigen, ihr Eigenleben, ihre Eigengesetzlichkeit zu entwickeln. Sie mausert sich zusehends zum Imperativ, zum unbarmherzigen, gewalttätigen Gebot. Sie fordert ihren Tribut, dieser Götze Zahl, den ihr alle anbetet - und den ihr ohnmächtig verflucht." "Ja," sage ich, "alles gut und schön, aber wieso greifst du ausgerechnet mich deswegen an? Habe ich vielleicht diese Zahl gemacht? Bin ich denn in der Lage, die Prämissen, wie du das nennst, zu überprüfen? Wieso greifst du ausgerechnet mich an, nicht den, der diese Zahl macht? Wieso mich, der ich doch selbst ein Opfer dieser Zahl bin?" Wir haben die Hütte oben am Waldrand erreicht, ein kleines Blockhaus aus Holz, von dem aus man über das Tal, das Dorf, die Hügel und Wiesen schauen kann. Kimo setzt sich auf den Tisch, der vor der Hütte steht, die Hände in den Taschen ihres Mantels, schweigend in die Gegend starrend. "Wieso," frage ich noch einmal, "wieso greifst du denn mich an?" Sie schaut auf zu mir, der ich seitlich vor ihr stehe, schaut mir lange und ernst in die Augen. "Ich greife dich doch gar nicht an," sagt sie dann leise, wie bittend. "Versteh mich doch: Ich sage dir doch nur, wie es ist. Nein, wie ich es sehe. Wie es mir selbst ganz allmählich klar wird. Natürlich bist du ein Opfer dieser Zahl - wie alle anderen auch. Ihr sitzt ja doch im gleichen Boot, alle. Obwohl euch diese Zahl einteilt in Vorgesetzte und Untergebene, in Menschen mit mehr oder weniger Rechten. Und euch aggressiv macht dabei, euch aufeinanderhetzt, euch Positionen erringen und verteidigen und verlieren lässt, eure kleinen, miesen, schäbigen Tricks sanktioniert, mit denen ihr gegenseitig an euren Stühlen sägt. Kollegen werden Konkurrenten, Arbeitsteilung zum Arbeitskampf - immer lächelnd, hübsch sauber, rechteckig und aufgeräumt." "Sag mir doch endlich, wieso ausgerechnet ich etwas dagegen tun soll? Du hast ja recht mit dem, was du sagst - aber wieso gerade ich?" "Wer denn sonst?" sagt sie und schaut mir direkt in die Augen: "Wer denn ausser dir soll etwas ändern? Gerade weil du das Opfer bist, gerade weil du betroffen bist und darunter leidest, solltest du es ändern - du, nicht irgendwer." Ich schweige betroffen. Kimo zieht ihre Beine hoch und legt die Arme darum. Und wieder schaut sie mich direkt an, mit ihrem Blick, der direkt ins Innerste zielt. Und trifft. "Um dein Leben geht es schliesslich. Du bist gefordert - genau du." * * * |
