no es nada BuchtippMittwoch um drei. Roman.
Von
Gert Richter
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Manchmal geht die Liebe seltsame Wege. Da muss erst ein sprechender Hund kommen und David, den klugen Professor, mit der Nase drauf stossen, dass er so nicht weitermachen kann: Achtlosigkeit, Gewohnheit und jahrzehntealter Ehealltag haben seine Liebe in kalten Kleister verwandelt. Alice, seine Frau, verschliesst sich mehr und mehr und geht eigene Wege. Die Ehe droht endgültig in Gleichgültigkeit zu ertrinken - wenn da nicht Lea wäre, die Setterhündin, die David mit schöner Regelmässigkeit aus der Bahn wirft. Ähnlich hemmungslos verhält sich Julia, eine unkonventionelle Psychologin, jung, fröhlich, herzerfrischend (und manchmal auch verletzend) ehrlich. Klar, dass sich David in sie verliebt. Klar, dass Alice das merkt und darunter leidet. Klar, dass - Eben nicht. Wie gesagt: Manchmal geht die Liebe seltsame Wege... Mittwoch um drei: ein kluger, zärtlicher, feinfühliger, brutaler, ein bisschen verrückter Roman um die Liebe, die Ehe, den Tod. ISBN 978-2-940364-06-0 Taschenbuch (2. Auflage), 336 Seiten, vierfarbiger Titel, €25.00 - CHF 40.00 (empf.) Erschienen bei Amazon als E-Book für nur €9,99Klicken Sie hier, wenn Sie diesen Titel bei Amazon Deutschland bestellen möchten. Hier können Sie direkt und ohne Versandkosten beim Verlag bestellen:
Leseprobe
Nach jahrelangen Bemühungen ist es mir dann doch noch gelungen, die Hundesprache zu erlernen. Das heisst, im Moment kann ich noch nicht alle Hunde verstehen, und sie wohl auch nicht mich. Aber immerhin spreche ich mit meinem Hund, und Lea spricht mit mir. Das ist mehr als nur ein Anfang. Ich finde, das ist fast schon so etwas wie ein Durchbruch. Doch, eigentlich kann man das schon sagen. Denn bisher hat es noch niemand geschafft ausser mir, einen Hund wirklich zu verstehen. Lea ist eine braune Setterhündin mit dunkelbraunen Augen. Ich erwähne die Augen, weil sie wichtig sind. Denn Lea spricht mit den Augen. Schon als sie noch ganz klein war und ich meinte, sie hätte nichts als Unsinn im Kopf, wurde mir mehr und mehr klar, dass mir Lea etwas mitteilen wollte. Sie hatte offensichtlich etwas zu sagen, das über Wunschäusserungen wie "Hunger" oder "muss mal" weit hinausging. Na, ganz so offensichtlich war es vielleicht nicht. Meine Frau zum Beispiel, und ich will ihr damit nicht wehtun, hat es bis heute nicht gemerkt. Natürlich kann es auch sein, dass Lea ihr nichts zu sagen hat, sondern nur mir. Das wäre schon möglich. Genau genommen ist es also so, dass nicht ich es bin, der die Hundesprache gelernt hat, sondern dass Lea mir einen Weg gezeigt hat, mit ihr zu kommunizieren. Es ist ja auch eigentlich nicht mein Forschungsgebiet, selbst wenn ich mit dem Verhalten von Lebewesen zu tun habe. Ja, das ist ein grober Raster, den ich hier angebe, ich weiss schon; aber wie sonst soll man das Feld zwischen Fischschwärmen, Zugvogelwolken und Sommertouristen beschreiben - ihre Impulse, aufzubrechen, die jähen Richtungsänderungen im Schwarm, die Reibungen aneinander (gibt es die?), das Entstehen, die Auflösung, das Ziel. Wir haben Computerprogramme entwickelt, die das Schwarmverhalten simulieren, und das ist natürlich im Grunde dummes Zeug. Alles, was wir lernen, ist, ein Programm zu schaffen, das etwas tut - und dann verbringen wir Jahre damit, zu verstehen, was es da tut. Blöd, ich weiss, aber es wird gut bezahlt und ist auch eine relativ sichere Arbeit, und wer kann heute schon von sich sagen, dass er eine sichere Arbeit hat? Abgesehen davon, auch wenn ich weiss, was ich da tue: Es macht Spass, meistens. Ein kleiner Junge, der seine Eisenbahn im Kreise fahren lässt, weiss eigentlich auch, dass es albern ist, was er da tut. Und trotzdem macht es ihm Spass. Natürlich, er erklärt es nicht zur Wissenschaft und kassiert auch keine Staatsgelder. Vielleicht muss man das alles nicht so ernst nehmen. Und vielleicht ist das wahre Spiel auch, wie man diese ganzen Staffelungen von kleinen, mittleren, höheren und hohen Beamten dazu bringt, ein Projekt für dermassen wichtig oder opportun zu halten, dass sie es finanzieren. Wie auch immer. Vielleicht sollte ich Lea mal danach fragen. Das mag Sie erstaunen, aber Lea kennt sich in solchen Verhältnissen oft besser aus als ich. Wenn Sie gedacht haben, dass sich Leas Sprachkünste auf die kulinarischen Unterschiede zwischen den diversen Dosenfuttermarken beschränken, können Sie diesen Bericht gleich wieder weglegen. Das wäre ja doch albern, darüber zu schreiben. Wir unterhalten uns auch nicht mit Klopfzeichen - so, wie manche sagen, schau, er freut sich, wenn ihr Liebling auf dem Teppich liegt und mit dem Schwanz klopft, weil er gleich einen Keks kriegen wird. Auch nicht mit Lauten. Lea, wau? Das wäre doch gar zu lächerlich. Die Augen, ich sagte es schon, Leas Augen spielen eine grosse Rolle. Meine wohl auch, aber darüber kann ich nichts sagen; das müsste man wiederum Lea fragen. Es ist - und nun fängt der schwierige Teil an, und Sie sollten nicht die Geduld verlieren - es ist eher so, wie wenn sich zwei Liebende in die Augen schauen. Ich muss das in aller Bescheidenheit sagen; bestimmt haben Sie das schon einmal erlebt, einmal wenigstens in Ihrem Leben, dass Sie einem Menschen in die Augen geschaut haben und waren sich eins mit ihm. Ein Verständnis, das über Worte hinausgeht, ein Wissen, ein Begreifen, eine Klarheit. Doch, ich bin sicher, Sie kennen das. Und vielleicht vermissen Sie es ja. Seitdem. Worte, selbst sanfte Berührungen, sind ja nur ein schwacher Versuch, sich dieser Erfahrung noch einmal anzunähern. Je mehr man es will, desto weniger gelingt es. Und wir suchen und wir suchen, und manchmal geben wir die Suche auf und nehmen das Nächstliegende als Ersatz.
* * * * *
Natürlich ist es nicht so einfach, einem Hund in die Augen zu schauen. Probieren Sie es einmal aus: Entweder er schaut weg und rennt davon, oder er greift unvermittelt und mit voller Aggression an. Vielleicht ist es doch besser, wenn Sie es lieber nicht ausprobieren, denn nach meiner Erfahrung kann man nicht voraussagen, wie ein Hund reagieren wird. Sie können einem Hund auch keine Seitenblicke zuwerfen, die des belustigten Einverständnisses etwa. Sie können ihm zuschauen, wie er unbeirrt auf etwas starrt, eine Scheibe Wurst zum Beispiel, die manche gern ihrem Hund vor die Nase halten, in gebührendem Abstand. Eine milde Form der Tierquälerei, finde ich, dieses harmlose Spielchen, diese liebevolle Neckerei; aber das nur nebenbei. Jedenfalls ist es praktisch unmöglich, mit einem Hund Blickkontakt aufzunehmen. Der direkte Blick, das ist die Grenze. Kein Hund lässt zu, dass man in ihn hineinschaut. Bis auf Lea. Eines Tages - Lea war damals schon ziemlich lange bei uns - fühlte ich, dass sie mich anschaute. Ich drehte mich um und schaute ihr in die Augen, und sie liess es zu. Nein, sie liess es nicht nur zu. Sie war es, die schaute. An diesem Tag war ich in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich hatte einen seltsamen Traum gehabt; einen von der Art, bei der man weiss, dass man nicht einfach geträumt hat, sondern in einer anderen Welt herumgelaufen ist. Natürlich weiss man auch, dass das ja nicht sein kann, und so verblasst dieser Eindruck wieder. Aber noch war er frisch, und ich war noch nicht ganz wieder da. Ich hatte einer Marathonläuferin beim Training geholfen, indem ich sie auf die Schultern genommen hatte wie ein Kind. Dann war ich mit ihr einen Berg hinaufgerannt (einen Berg, von dem ich weiss, dass ich ihn kenne, auch wenn es ihn nicht "wirklich" gibt). Oben angekommen, liess ich sie herunter und dachte, ich bin ja noch ganz gut in Form. Ich nahm die Läuferin in den Arm, und sie fühlte sich erstaunlich fest an. "Welche Farbe habe ich für dich?" fragte ich. Sie überlegte und sagte dann: "Dunkelrot." Ich versuchte, das nachzufühlen, und merkte, dass es stimmte: Ich fühlte mich dunkelrot an. "Und ich?" fragte sie. "Wie fühle ich mich an für dich?" Meine Antwort kam ganz spontan: "Blau!" Es war ein samtiges taubenblau, eher dunkler und stumpf und ganz und gar nicht mittelmeerblau. Sehr weich und würdig. Ich horchte noch in diesen Traum hinein und wünschte, ich würde das Mädchen wiedersehen. In diesem Moment spürte ich, dass Lea mich anschaute. Ich drehte mich um, und da schauten wir uns in die Augen, und Lea wich meinem Blick nicht aus und ich nicht ihrem. Das Tor war aufgegangen, und wir beide traten ein. Wenn ich es recht bedenke, hatte ich mir nie viel Gedanken um die Welt eines Hundes gemacht. Merkwürdig, mit wie vielen Wahrheiten man lebt, gleichzeitigen und gleich gültigen. Natürlich war mir klar, nicht zuletzt von unseren Forschungen her - schliesslich ist das Rudel, wenn man so will, eine Sonderform des Schwarms - dass Hunde hoch entwickelte Tiere mit einer gewissen, wenn auch einseitigen Intelligenz sind. Lea dagegen war unser Hund, ein verschmustes, verspieltes, ewig zu hungriges Spieltier mit einem doch sehr beschränkten Verhaltensrepertoire. Fressen, Gassi gehen, Stöckchen werfen, dem Tennisball nachrennen, andere Hunde beschnüffeln, den Postboten anbellen, schlafen. Schlafen vor allem. Lea war für mich nicht viel mehr als ein richtig lebendiger Teddybär. Diese Beschränktheit machte natürlich auch einen grossen Teil ihrer Attraktivität aus, das ist ja klar. Ich wäre auch nie von mir aus auf die Idee gekommen, mit Lea ein vernünftiges Gespräch zu führen. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich mich heute meiner Arroganz schäme. Ich hielt Lea, wie jeden anderen Hund auch, für leicht debil, und warum sich die Mühe machen, mit so jemand zu reden. Nett sein und freundlich, klar. Stimulus und Response. Warum eine Black Box aufmachen, in der sowieso nicht viel drin wäre. Aber nun hatten sich unsere Blicke getroffen, die Eingänge zur Grotte waren schweigend und gewaltig eingestürzt. Das Wagnis war erlaubt. Ich weiss nicht, ob ich den Mut gehabt hätte. Aber Leas Blick hielt mich fest. Lea lockte nicht, forderte nicht auf, lud nicht ein. Sie war einfach da, und war da, und ich hatte keine Wahl. Ich fühlte mich getröstet und still. Auf einmal war alles klar. Meine Frau kam herein und fragte, ob ich heute nicht zur Arbeit… "Warum weinst du denn", fragte sie überrascht, fast zärtlich. Aber wie hätte ich ihr sagen können, dass ich vor Erleichterung heulte, vor Freude, weil ich angekommen war? Wie erklärt eine Quelle, warum sie sprudelt? Von diesem Tag an war alles anders. Nicht, was Sie meinen: Ich wurde nicht auf einmal wunderlich. Ich stand auf wie immer, frühstückte, ging mit Lea in den Park, warf ihr Stöckchen, schaute kurz in die Zeitung und ging zur Arbeit. Wie immer. Im Institut tat ich, was ich immer machte, und ich machte es wie sonst. Keiner hätte sagen könnten, ich hätte mich verändert, und es sagte auch keiner. Und doch war alles anders. Ich richtete die Videokameras ein für Becken 14, in dem wir Gratlinge hatten. Wir filmen sie, rund um die Uhr, in drei Achsen, um eine räumliche Perspektive zu haben. Wir wollen feststellen, ob sich Schwärme spontan bilden und unter welchen Bedingungen. Ob es externe oder interne Auslöser sind. Drei von meinen Doktoranden sind damit beschäftigt, auf den Videoaufnahmen die einzelnen Fische im Schwarm zu markieren. Früher hätte man noch die wirklichen Fische markiert, mit Farbpunkten oder radioaktiven Partikeln. Noch heute beringen sie ja die Vögel oder hängen Jaguaren Halsbänder mit Sendern um. Wir lehnen das ab. Wir denken, das ist bereits ein Eingriff. Bei uns geschieht das virtuell. Die einzelnen Fische bekommen Kennzeichen, wie Autos, C 204 zum Beispiel, aber natürlich nennen wir einzelne von ihnen mit richtigen Namen. Amanda zum Beispiel scheint so etwas wie eine Anführerin zu sein; ihr folgt immer eine Gruppe von kleineren Gratlingen. Natürlich ist das auch nicht unproblematisch, weil man auf diese Weise die Fische vermenschlicht. "Vermeiden Sie jegliches Anthropomorphisieren", hatte uns schon unser Professor Labahn gesagt. Aber das ist leichter gesagt als getan. Und selbst wenn Amanda nur auf dem Bildschirm erscheint, als gelber Punkt im Simulationsprogramm, dann folgt diesem Punkt immer noch ein Gefolge von kleinen Punkten. Und wir können wohl nicht anders als zu denken: Das ist Amanda. Sie ist eine Anführerin. Jetzt, wenn ich diese Punkte sehe, muss ich nur noch lächeln. Ich werde mich hüten, etwas zu sagen, aber ich weiss, es ist einfach falsch. So jemanden wie Amanda gibt es nämlich gar nicht, weder als Punkt noch als Fisch. Und schon gar nicht als Anführerin. Lea hat mir das gesagt, und es hat lange gedauert, bis ich es begriffen habe. Das grösste Wunder war, dass die Offenbarung zwischen Lea und mir kein einmaliges Ereignis blieb. Lea schaffte es, und ich bin nicht sicher, ob ich sagen kann, auch ich schaffte es, immer wieder diesen Fluss herzustellen. Oder zuzulassen? Es geschah einfach, und eben nicht nur einmal, sondern immer wieder. Es konnte sogar, aber das war später, geschehen, ohne dass Lea in der Nähe war. Wir brauchten uns nicht mehr in die Augen zu schauen. Wir verstanden uns auch so. Wenn wir miteinander sprachen, dann benützten wir keine Worte. Insofern ist es natürlich falsch, oder zumindest ungenau, diesen Vorgang als "miteinander sprechen" zu bezeichnen. Es fand ein Austausch statt, das ist wahr. Aber eben nicht von Worten. Nicht von Sätzen. Nicht einmal von Gedanken. Vielleicht könnten man sagen, dass ein Austausch von Wissen stattfand. Eigentlich nicht einmal ein Austausch. Lea hatte so viel zu geben, und ich so wenig. Sie öffnete mir eine Schatzkammer nach der anderen, und alles, was ich ihr zurückgeben konnte, war mein Schmerz, mein Hochmut, meine Kleinlichkeit, meine Traurigkeit, mein bisschen Aufgeblasenheit. Es war ein grosses Ungleichgewicht, aber Lea nahm es gelassen hin. Sie hatte so wenig nötig. Es ist nicht leicht, von seinem Podest herabzusteigen, Treppchen für Treppchen. Die Zeit, die ich dazu benötigt habe, lässt sich nicht in Tagen bemessen und nicht in Wochen. Es ging fast unmerklich, über Monate und Jahre, und ich habe oft das Gefühl, dass es nie aufhören wird. Anfangs war ich mir im Allgemeinen sehr sicher. Ich wusste, wenn ich etwas wusste, dass ich es wusste. Es ist so. So ist es. Das Problem lag eigentlich nur darin, es auch zu verstehen. Aber daran, dass es so ist, wie es ist, hatte ich auch nicht den geringsten Zweifel. Lea lehrte mich die Unsicherheit. Ist es so, wie es ist? Als ich sie eines Tages bei ihrem Namen nannte - Lea - fragte sie mich, wen ich damit meine. Die Frage kam mir bestürzend seltsam vor. "Dich meine ich", sagte ich. "Dich, Lea!" "Es gibt mich nicht", sagte sie. "Aber ich sehe dich doch", sagte ich. Ich war verwirrt. "Du siehst mich, weil du gewohnt bist, mich so zu sehen. Aber es könnte auch alles ganz anders sein." "Ja ja", sagte ich, froh, wieder auf dem vertrauten Boden von Wortdiskussionen zu sein, "klar könnte es auch anders sein." Das war ein bisschen zynisch, und ich setzte noch eins drauf und fragte: "Zum Beispiel?" Aber Lea liess sich auf derlei Spielchen nicht ein. "Du siehst dich, und du siehst mich. Du siehst Personen", sagte Lea leise und freundlich. "Aber ich sehe etwas anderes: Weder dich. Noch mich." "Aha", sagte ich. "Und was siehst du dann?" "Ich sehe eine Beziehung." Um ehrlich zu sein: das verstand ich nicht. Ich schlug deshalb vor, einen Spaziergang zu machen, und Lea, gutmütig wie immer, willigte schwanzwedelnd ein. Wenn wir nicht unsere Zwiegespräche haben - und ich wiederhole noch einmal, sie finden nicht in Form eines Dialogs statt, auch wenn ich sie hier so aufschreibe - sehen wir aus wie Herr und Hund. Lea ist wie jeder andere Hund auch. Sie hat ihren eigenen Kopf und kommt nicht, wenn ich sie rufe, hasst es, an der Leine geführt zu werden, rennt sofort weg, wenn man sie frei laufen lässt, kümmert sich nicht um den Strassenverkehr und erschreckt kleine Kinder. Letzteres ist aber meist deren Unerfahrenheit zuzuschreiben, denn Lea ist sanftmütig und kinderfreundlich. Nichtsdestotrotz hat sie eine feuchte Schnauze, beeindruckende Zähne und ein kräftiges Bellen. Wenn ich ein Kind wäre und Lea nur zehn Zentimeter von meinem Gesicht entfernt zu bellen anfinge, würde ich auch brüllen vor Schreck. Lea hat ein freundliches Wesen, und das kann ein Problem sein. Sie ist sehr schön, wie viele Setter, bewegt sich elegant, hat ein seidiges Fell von angenehmer Farbe, so dass man sie gern streicheln möchte. Im Prinzip hat sie das auch ganz gern, aber nicht unentwegt und auch nicht bei jedem. Was sie nicht mag, ist, an den Ohren gezogen zu werden; das wiederum machen manche Kinder gern. Erst streicheln sie die Ohren ein paar Mal, und dann packen sie fester zu und ziehen daran. Das sind die Momente, in denen Mütter mich anherrschen, ich solle gefälligst meinen Hund an die Leine nehmen. Beziehungen, dachte ich, während wir am Flussufer entlanggingen. Lea war vorausgerannt und spielte mit Hunden, die sie kannte. Beziehungen. Was konnte sie wohl damit gemeint haben? Da ist Lea, und da bin ich, und zwischen uns ist eine Beziehung. Na und? Nein, sagte Lea in meine Gedanken hinein. Da ist nicht Lea, und da bist nicht du, sondern da ist nichts ausser einer Beziehung. Keine Lea. Kein du. Beziehung. Sonst nichts. Lea rannte gerade mit einem weissen Windhund um die Wette. Wie immer verlor sie. Aber vielleicht ging es ja auch hier nicht ums Gewinnen. Verwirrend ist das schon, dachte ich. Wenn ich das jemand erzähle, dass mein Hund mit mir redet, während er mit anderen Hunden spielt, dann stecken sie mich in die Klapsmühle. Und wenn ich ihm erzähle, was mein Hund gesagt hat, dann muss Lea gleich mit. Am nächsten Morgen im Institut hatten wir unser übliches Doktorandengespräch. Mein Chef kam dazu und brachte eine Praktikantin mit. Sie hatte ihren Doktor schon gemacht, interessierte sich aber für das Postdoktorandenkolleg. "Sie ist neu hier und möchte sich mal umschauen, und ich dachte, sie könnte gut bei dir ins Team passen." Begeistert war ich nicht, aber sie war still und würde wohl keine Probleme machen. Jonathan referierte dann den Stand unseres Projekts, wie weit die virtuelle Markierung der Gratlinge in Tank 14 fortgeschritten war. Schliesslich meinte ich, dass ich eine Idee hätte, und ob Sabine, die neue, nicht Lust hätte, mal darüber nachzudenken. Meine Idee, sagte ich, liefe auf Folgendes hinaus: Bisher hätten wir jeden einzelnen Gratling als Individuum betrachtet, ihm auch einen kodierten Namen gegeben. Und den Schwarm hätten wir als Metaindividuum aufgefasst, gebildet aus den einzelnen Gratlingen. Ob wir, schlug ich vor, nicht einmal ausprobieren könnten, die Gratlinge überhaupt nicht mehr als Individuen zu betrachten, sondern nur die Relationen anzuschauen, die - bisher unsichtbar - zwischen ihnen vorhanden wären. Ja aber, wandte Jonathan ein, im Prinzip tun wir das ja schon, wir schauen uns doch an, welche Relationen zwischen Amanda und ihrem Gefolge existieren, beispielsweise, und - na ja, das ist doch, was wir untersuchen. "Wer ist Amanda?" fragte Sabine. "Besser, Sie wissen es nicht", sagte ich. "Ich meine, wir könnten doch mal versuchen, nur die Beziehungen anzuschauen, unabhängig von den Personen." "Personen", sagte Jonathan verächtlich. "Gratlingspersonen." Ein bisschen was hatte ich von Lea schon gelernt. Ich liess mich nicht beirren. Stellt euch mal eine gotische Kathedrale vor, sagte ich. Chartres zum Beispiel. Was wir sehen, sind die Mauern. Die grauen Steine. Die Spitzbögen. Das Dach. Aber was ich machen möchte, ist eine dreidimensionale Darstellung der Kraft- und Drucklinien. "Die Statiker", sagte Sabine, "machen Modelle aus Plexiglas. Wenn man dort die Kräfte, Druck und Zug, einwirken lässt, dann ergibt das so komische Verfärbungen, wie Öl auf Wasser. Man sieht dann, wo die Kräfte verlaufen, wo sie sich bündeln, wo sie auseinander gehen. Meinen Sie so etwas?" "Genau das ist es", sagte ich. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Erbauer der Kathedrale diesen Kraftlinienplan im Kopf hatten und deswegen die Spitzbögen erfunden haben. Ich denke, dass erst die Relationen zwischen Druck und Zug da waren, und die Steine nur eine Folge davon. So einen Plan will ich haben." "Und was haben unsere Gratlinge damit zu tun?" fragte Jonathan misstrauisch. "Ich kümmere mich drum", sagte Sabine. "Ich denk mal drüber nach."
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Ich erzählte Lea von diesen neuen Entwicklungen. Seltsamerweise sagte sie wenig dazu. Dabei fand ich diese Idee mit den Beziehungen zunehmend interessant. Immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich nach wie vor zwei Personen als Anfangs- und Endpunkt der Beziehung sah. Aber ganz allmählich, mit Leas stillschweigender Hilfe, kam ich dahinter, dass die Beziehung das Wichtige war, nicht die Personen. Im Institut musste ich mir immer öfter neue Beispiele dafür ausdenken. Sabine hatte sich bereits dafür erwärmt, aber meine drei anderen Doktoranden blieben skeptisch. "Was macht eure Beziehungskiste?" fragte Jonathan spöttisch, wenn er Sabine und mich zusammen an der Tafel sah. "Wie ein Blitz", sagte ich gerade zu ihr. "Da ist keine Wolke und kein Baum, und zwischen beiden entwickelt sich eine Beziehung namens Blitz. Sondern da ist erst die Ladung, und die verwirklicht sich, indem sie sich eine Wolke sucht und, mehr oder weniger zufällig, einen Baum." "Muss ich drüber nachdenken", sagte Sabine. Sie war langsam, aber gründlich, und sie liess sich von Jonathan nicht einschüchtern. Von Jonathan nicht, und ebenso wenig von mir. Wenn sie etwas nicht restlos verstand, das ich sagte, dann akzeptierte sie es nicht. Aber sie lehnte es auch nicht von vornherein ab. Unser Gratlingsschwarm als ein Cluster von Beziehungen - das kam mir mehr und mehr wie ein fruchtbarer Ansatz vor. Beziehungen, die sich verändern, das ist ja klar. Bisher hatten wir nur leuchtende Punkte auf dem Monitor gehabt, mit mehr oder weniger grossem Abstand dazwischen, und solche Punktwolken bewegten sich mal hierhin, mal dorthin. Um ehrlich zu sein, wir hatten eigentlich keine Ahnung, warum. Unsere ganze Zählerei und Markiererei und das Umsetzen in Simulationsprogramme waren l'art pour l'art. Gut, um Fördergelder zu kassieren, aber von wenig bis gar keinem Erkenntniswert. Wenn man unseren Tank 14 jedoch als Raum von Relationen auffasste, dann sah man relativ schnell ein durchaus nicht chaotisches Spiel von Mustern. Was ich zu sehen begann, waren nicht mehr hin- und herschwimmende Gratlinge, sondern sich abwechselnde Phasen von Anziehung und Abstossung in verschieden heftiger Intensität. Das ist bei uns Menschen auch nicht anders, dachte ich: Mal mögen wir uns mehr, mal weniger, mal gehen wir uns aus dem Weg. Und wer wen mag, ist sicherlich eher eine Frage der Verfügbarkeit und des Vorhandenseins als Ausdruck von Persönlichkeiten oder gar Schicksalen. Wieso wurden die meisten Ehen denn am Arbeitsplatz gestiftet und nicht im Himmel? Vielleicht schwirrte da wirklich einfach eine Beziehung herum und suchte sich zwei Pole, die sich dafür eigneten. Besonders romantisch ist das aber nicht, dachte ich. Wo bleibt denn da die grosse Liebe? Lea lächelte nur und legte die Stirn in Falten, als ich sie danach fragte. Sendepause. Wohl oder übel musste ich wohl selber drauf kommen.
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Ich wusste nicht mehr weiter. Es war heiss geworden in den letzten Tagen, und ich hatte das Bedürfnis, in Ferien zu gehen. Aber so ein Forschungsprojekt kann man nicht einfach drei Wochen liegen lassen. Die Gratlinge wollen nicht nur gefüttert sein, sie müssen auch lückenlos beobachtet werden, rund um die Uhr. Natürlich ist das alles geregelt bei uns, wer macht was und wann. Aber leider hatte dieser Plan mit meinem Bedürfnis nach Abstand nichts zu tun. Ich war fest eingeplant und konnte nicht weg. "Ich weiss nicht mehr weiter, Lea", sagte ich zu ihr. Wir waren lange spazierengegangen am Fluss, und nun sass ich auf einer Parkbank im Schatten und ruhte mich aus, und Lea lag davor und schaute mich an. "Hilf mir, Lea", sagte ich. Ich schaute ihr bittend in die Augen. Und dann, als ich losliess, liess sie mich ein. Leas Schweigen umfing mich wie eine liebevolle Schwerelosigkeit. Ich liess mich fallen und schwebte und wurde substanzlos. Alles war in Ordnung. Alles war richtig. "Meine Gedanken fangen zu kreisen an", sagte ich. "Diese Beziehungsgeschichte lässt mich nicht mehr los. Ich spinne mich immer mehr ein in sie. Ich denke dauernd darüber nach. Ich versuche Beispiele zu finden. Ich mache mir Bilder." Lea schaute mich an. "Da entstehen Netzwerke von Beziehungen, und wir sind die Knoten im Netz. Wir sind eine Funktion, ein Produkt des Beziehungsgeflechts. Deswegen verändern wir uns auch dauernd. Ich bin nicht mehr der, der ich vor 30 Jahren war. Ich bin nicht einfach älter. Ich bin anders. Die Beziehungen, die durch mich hindurchlaufen, haben sich verändert." Lea schaute mich an. "Ich fange an, mich zu fragen, ob diese Netzwerke nicht eine eigene, übergeordnete Intelligenz haben. Das Netzwerk braucht eine neue Verbindung, ich bin gerade frei, schon schnappt es mich und ich bin verdrahtet. So ist es doch, oder nicht? Bin ich damals losgezogen und habe gesagt, jetzt suche ich meine Frau? Oder sind wir uns nicht einfach begegnet? Warum ich? Warum sie? Plötzlich waren wir verliebt, und was hatten wir schon damit zu tun. Es geschah uns doch einfach. So ist es doch, oder nicht?" Lea schaute mich an. "Meintest du das, als du sagtest, dich gibt es nicht und mich gibt es nicht?" Ich wurde immer aufgeregter. Langsam aber sicher steigerte ich mich in eine allzu vertraute Verzweiflung hinein. Ich wollte so gern wissen. Ich wollte, dass mir Lea meine gute alte Sicherheit zurückgäbe. So ist es. Es ist so. Aber sie dachte gar nicht daran. Kaum hatte sie mir den Boden unter den Füssen weggezogen, wollte ich schon wieder ans Ufer klettern, wenn auch an ein anderes. Aber Lea wollte, dass ich schwimmen lernte. Ohne Ufer. Ohne Halt. "Hilf mir doch, Lea", sagte ich. "Schau in dich rein", sagte sie. Wie gut ich das alles kannte. Die Selbstzweifel, das Gefühl, versagt zu haben; die Sinnlosigkeit. Und dabei gute Miene machen; zu tun, als wäre alles wie immer. Optimismus verbreiten. Zuversicht. Ich weiss, dass viele meiner Kollegen glücklich gewesen wären, wenn sie auch nur den Zipfel einer Theorie erwischt hätten, die möglicherweise ein ganz klein wenig Licht ins Dunkel hätte bringen können. Ich auch, übrigens, auch ich wäre glücklich gewesen. Aber seitdem Lea mich unter ihre Fittiche genommen hatte, wenn man das so sagen kann, und ich meine es ja nicht mal zynisch, seitdem finde ich es zumindest fragwürdig, was ich da tue. Eine Theorie durch eine andere ersetzen? Was soll's? Aber ich machte weiter wie gehabt. Jonathan markierte und zählte seine Gratlinge, und ich heuchelte Interesse. Sabine entwarf eine Typologie der verschiedenen Beziehungsarten, und das erinnerte mich an die Anfänge der Psychologie, als manche eine Typologie der Triebe erstellten. Auf über 150 kamen sie, und einer davon war "der Trieb, mit dem Finger in kleine Ritzen zu tasten." Na ja, warum auch nicht. Und ich sass in meinem kleinen Zimmerchen im Institut, Bücherstapel gewichtig und beeindruckend um mich her verteilt, und versuchte, mich von dem Zwang zu befreien, an die Relationentheorie zu denken, wie ich sie jetzt schon nannte. Wie lächerlich. Und doch liess es mich nicht los. Bis ich eines Tages einen gedanklichen Purzelbaum machte und mir sagte, du kannst es lange probieren, du bist dafür gar nicht zuständig. Irgendwo schwirrt eine Relation herum, die sich an dir festgemacht hat und die dich benutzt, um an dieser verfluchten Relationentheorie herumzuschnitzen. Augen zu und durch. Das steht ebenso wenig in deiner Macht wie du entscheiden kannst, in wen du dich verliebst. Hör auf zu kämpfen. Tu's einfach. Das erleichterte mich ungemein. Sinnlos oder nicht, was ging es mich an? Wer war ich denn, dass ich da meinte, entscheiden zu können. Das wurde ganz woanders entschieden. Endlich fühlte ich mich mal wieder froh und frei. Am Abend erzählte ich Lea davon. Sie hörte sich alles geduldig und freundlich an, wie immer. Und dann sagte sie: "Du hast natürlich ganz recht. Aber nur, wenn deine Theorie auch stimmt." Ich lächelte und kratzte Lea hinter den Ohren. Was wissen schon Hunde.
* * * * *
Meine Tage vergingen wie im Fluge. Der Sommer brachte seine übliche Leichtigkeit mit sich, die frische Kühle am Morgen und lange, helle Abende. Lea schwamm gern, und ich warf ihr Stöckchen in den Fluss. Einmal brachte sie eine Ruderregatta durcheinander, weil ich zu weit geworfen hatte und sie in die Bahn der Boote hinausgeschwommen war. Ich tat so, als gehöre Lea nicht zu mir. Unsere Gratlinge vermehrten sich zusehends, und wir standen vor dem Problem, entweder einen grösseren Tank zu bauen oder einen Teil der Gratlinge auszuquartieren. Oder eventuell sogar zu töten. Für den grösseren Tank sprach, dass wir nicht willkürlich die uns ja noch weitgehend unbekannten Strukturen des Schwarms zerstören mussten. Man kann doch nicht einen beliebigen Teil eines Organismus entfernen und dann so tun, als sei nichts gewesen. Allerdings würden wir dann bald wieder einen neuen Tank benötigen, und das in immer kürzeren Abständen, denn die Gratlinge vermehrten sich natürlich exponentiell. Wir fanden schliesslich eine Lösung, indem wir einen zweiten Tank an unser Becken 14 andockten, beide mit einem Plexiglasrohr verbanden und abwarteten. Tatsächlich, wie erhofft, schwamm ein Teil der Gratlinge durch das Rohr in das neue Becken hinüber, und als der Bestand von Tank 14 etwa bei der ursprünglichen Menge war, verschlossen wir die Verbindung. Eine Weile lang beobachteten wir, was im neuen Tank passierte. Nach einer relativ kurzen Diskussion entschieden wir uns, die Fischpopulation im neuen Teich zu entsorgen, was nicht ganz einfach ist: Man kann schliesslich nicht viertausend Gratlinge in die Kanalisation entlassen. Jonathan war froh zu sehen, dass viele der bereits virtuell markierten Gratlinge in ihrem alten Becken 14 geblieben waren, unter anderem auch Amanda und ihr Gefolge. Welch eine Sisyphusarbeit, wenn er ganz von vorn hätte beginnen müssen! Sabine dagegen war unbeeindruckt von dem ganzen Manöver geblieben. Ihre Beziehungsmuster erwiesen sich als ungemein stabil. Offenbar hatte die Anzahl der Gratlinge keinen Einfluss darauf. Eine Erkenntnis, die sie sehr vergnügt stimmte, auch wenn ich nicht recht verstand, warum. "Sollten wir nicht bald mal was veröffentlichen?" fragte ich sie eines Tages, als sie mit einer Kaffeetasse in der Hand an meinem Zimmer vorbeikam. Ich winkte sie herein, und sie setzte sich. "Die Relationentheorie ist doch eine spannende Sache, und bevor jemand anderes sie sich unter den Nagel reisst…" Eigentlich war es dafür noch viel zu früh. Ausser ein paar vagen Ideen hatten wir ja eigentlich noch nichts. Vielleicht würden wir nur schlafende Hunde wecken, jemandem eine Anregung geben, und der könnte dann womöglich den Ruhm ernten, den wir gesät hatten. "Das will natürlich reiflich überlegt sein", sagte ich, und Sabine nickte. "Aber bereiten Sie doch mal was vor", sagte ich. Sie nickte wieder. Am Ende des Semesters hatte sie ein kleines Papier ausgearbeitet. Eigentlich war dort nur in einer Art Zusammenfassung aufgelistet, was wir bisher hatten. Ausgangspunkt, sagte sie, sind Beziehungen. Wir wissen nicht, woher sie kommen und wie sie entstehen. Am besten stellt man sie sich nicht als etwas Konkretes vor, sondern als Potentiale, ähnlich wie eine Stromspannung. Diese Potentiale können unterschiedlich stark sein, und sie können unterschiedliche Richtungen haben. Diese Potentiale bilden dynamische Muster in Zeit und Raum; man kann sie sich als mehrdimensionale Netzwerke vorstellen. Es kann passieren, dass sich solche Relationen in den Knotenpunkten bündeln, wobei spezielle Potentialmuster entstehen können. Das kann zum Beispiel Materie sein. "Ja", sagte ich und deutete mit dem Zeigefinger auf das Blatt, "so stelle ich es mir auch in etwa vor. Aber es ist natürlich hundsgefährlich: Beweisen können wir gar nichts, mit Gratlingen hat es nicht mehr viel zu tun. Es kann uns leicht passieren, dass die Kollegen uns auslachen und höhnisch sagen, dass wir hier auf dem weiten Feld der Spekulation herumschliddern." "Ja", sagte Sabine trocken, "das sehe ich auch so. Ich glaube, wir spinnen uns hier etwas zurecht. Wenn man nicht mehr weiterweiss, dann hilft es immer, wenn man eine unsichtbare Kraft aus der Kiste zieht, die alles bewirkt. Am besten noch in einer fünften Dimension - denn dieser Relationenraum ist nicht viel anderes als eine weitere Dimension." "Stimmt", sagte ich. "Und jetzt?" "Ich für mein Teil habe mich in Florida beworben", sagte Sabine lässig. "Die machen Delphinforschung. Das ist was Handfestes. Und das Wetter ist auch besser als bei uns. Im Oktober fang ich an." Da musste ich doch erst einmal schlucken. Von Sabine hätte ich sowas zu allerletzt erwartet. "Und - Ihre Arbeit hier?" Ich tippte auf ihr Papier. "Keine Sorge", sagte sie. "Ich werde niemand davon erzählen. Schliesslich will ich mich nicht lächerlich machen."
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Ich war enttäuscht und bitter. Die Vokabel "Verrat" kam mir in den Sinn. "Warum starrst du denn immer Lea an?" fragte meine Frau. "Kommt nichts im Fernsehen?" Ich ging am Fluss spazieren. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge in einem grauen Gummireifen rief: "Papa! Papa! Ich kann hier noch stehen!" Papa, von dem nur der graue Kopf zu sehen war, drehte sich nicht einmal zu seinem Sprössling um. "Papa! Papa! Ich kann hier noch stehen!" Wieso Kinder oft so eine weinerliche Stimme haben, dachte ich. "Papa! Papa! Hier habe ich noch Grund!" Beziehungen, dachte ich. Beziehungen. Lasst mich bloss in Frieden.
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Ob das diese berühmte "Stunde der Wahrheit" war? In der entweder der Torero den Stier aufspiesst oder der Stier den Matador? Oder der Matador wegrennt. Danach war mir am meisten zumute. Andererseits hatte ich immer wieder heftige Trotzwallungen - jetzt zeig ich's euch allen, und so weiter. Ich malte Diagramme und zerknüllte Papier, stöberte im Internet und in der Bibliothek, traf mich mit einem Kollegen aus der Soziologie zum Kaffee und telefonierte mit Informatikern, die an neuronalen Netzwerken arbeiteten. Unter dem Strich blieb, dass ich allein war. Am schlimmsten war die Angst, ich könnte verrückt geworden sein. Die Kriterien waren mir abhanden gekommen. Ich fing an, mich zu beobachten. Aber das half mir nicht: Man kann die gleiche Tätigkeit ebenso als normal wie als verrückt interpretieren. Es kommt immer auf den Zusammenhang an, dachte ich. Ist es verrückt oder ist es normal, auf einen Berg zu steigen und einer Menschenmenge die Liebe zu predigen? Normal bestimmt nicht; aber ist es deshalb verrückt? Ich hörte viel Musik in dieser Zeit. Aber anders als früher hatte sie keine beruhigende Wirkung auf mich. Ich machte die bestürzende Entdeckung, dass ich Musik quasi von innen hören konnte, als sei sie ein Raum und umgäbe mich. Ich spürte die Konstruktionslinien der Stimmen, ja sogar der Rhythmen, um mich herum. Das machte mir Angst. Musik war für mich bisher etwas Flächiges gewesen, das ausserhalb von mir ablief wie ein Film. Aber dass ich mittendrin war in dieser bizarren, beweglichen Architektur, von der man nie wusste, ob sie nicht doch einstürzen würde - das machte mir Angst. Ich konnte niemanden fragen. Das heisst, ich wusste niemanden, den ich hätte fragen können. Unseren Familiendoktor, der immer mit seinem Motorroller Hausbesuche machte und von Grippewellen lebte? Einen Psychiater? Einen, der mir freundlich zuhört, "hmm" sagt, sich den Bart streicht und mir zum Schluss Neuroleptika verschreibt? Wenn er mir nicht gleich eine Einweisung empfiehlt? Ein Pfarrer fiel mir noch ein, wurde aber sofort als untauglich abgelehnt. Seltsam, dachte ich, so lange ist es doch noch gar nicht her, dass diese Leute "Seelsorger" genannt wurden und dass man Vertrauen zu ihnen hatte. Lea schaute mich mit ihren grossen braunen Augen an. "Bin ich verrückt?" fragte ich sie. "Bin ich verrückt?" Endlich hielt ich mal wieder ihren Blick aus. Es dauerte lange, sehr lange, bis meine Mauern brüchig wurden und in sich zusammenfielen. Es dauerte sehr lang, bis die Weite entstand. Bis es zu fliessen begann. "Was für eine Rolle spielt es, ob du verrückt bist oder nicht", sagte Lea. "Das sind Worte, die andere gebrauchen. Worte sind Worte und nichts mehr. Worte bedeuten nichts. Da ist nichts hinter dem Wort. Worte sind wie die Eisenleitern, die Bergsteiger an schwierigen Stellen benutzen, um die Felswand hinaufzuklettern. Aber Vögel brauchen keine Leitern. Solange man Worte gebraucht, sind Felswände hohe, steile, gefährliche Hindernisse. Es sind die Worte, die die Felswand gefährlich machen. Darum brauchst du keine Angst zu haben. Du glaubst, etwas zu verlieren, aber in Wirklichkeit wirst du frei." Auch wenn ich mich merkwürdig getröstet fühlte: ich verstand es nicht. Auch kam es mir unlogisch vor. Immerhin fühlte ich mich so viel besser, dass ich es trotz meiner Bedenken mit dem Rat eines Psychologen versuchte. |
